Von AnfAngst an

Ein kleines Kind liegt in seinem Holzgitterbett. Es ist Nacht, durch scherenschnittschwarze Baumkronen drängt blasses Mondlicht in den finsteren Raum. Alles schläft, atmet schwer und sammelt sich für einen neuen, ungelebten Tag. Nur nicht das Kind. Es wälzt sich herum zwischen Daunenfedern, Kuscheltieren und Rotztüchern. Was es am Alpträumen hindert, ist ein durchdringendes Gefühl der Unruhe, das den Magen rhythmisch vibrieren lässt und die Halsschlagader hörbar macht. Was das Kind mit fünf noch nicht weiß: es hat Angst. Angst vor der Dunkelheit, vor dem Alleinsein in seinem Zimmer, vor dem Alleinsein auf dem riesigen, unverstandenen Planeten. Es blickt in den Nachthimmel. Wie groß ist das Universum? Die Sterne. Wie weit sind sie weg? Der Mond. Wie kann ich zu ihm reisen? Irgendwann will es wissen, warum es lebt. Was, wenn meine Eltern morgen tot sind? Sein Vater erklärt ihm den Himmel, nicht die Erde.

© Lina Bibaric

Haus im Kopf – Nizza
© Lina Bibaric

Das Kind wird älter, geht in den katholischen Kindergarten, begleitet die Großmutter in die Kirche. Hört zum ersten Mal vom Leib und Blut Jesu und stellt entsetzt fest, dass man beides schlucken muss. Das versteht das Kind nicht. Auch in der Grundschule bekommt es keine Antwort auf seine vielen Fragen. Stattdessen singt es fromme Lieder unter der geschundenen Leiche am hölzernen Kreuz. Dann beginnt der Kommunionsunterricht. Das Kind erfährt zum ersten Mal von teuflischen Verrätern und reuigen Sündern, von schwachen Frauen und starken Männern. Und von einem Mann, der für dich, Dich, ja DICH allein gestorben ist. Aber ich habe ihn doch nicht darum gebeten! Ein strenger Gottesdiener lehrt das unverdorbene Kind Buße, Bescheidenheit und Demut. Immer heiter, Gott hilft weiter. Lehrt es zu Beten und zu Beichten. Was soll ich denn beichten, mit Neun? Also erfindet das wohlerzogene Kind seine Sünden. Es lernt zu lügen. Paradoxe Intervention auf Anweisung von oben? Habe 50 Pfennig Wechselgeld vom Bäcker behalten! Gott der Herr schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden. Ich habe gesündigt. Es lernt die 10 Gebote. DU SOLLST AN EINEN GOTT GLAUBEN. Warum? Wer alles glaubt, musst nichts mehr wissen. Wie praktisch, wie manipulierbar, Generalschlüssel zum christlichen Erfolg. DU SOLLST KEIN FALSCHES ZEUGNIS GEBEN. Was heißt das, Herr Pfarrer? DU SOLLST NICHT LÜGEN. Aber …? Wirst du ins Fegefeuer geworfen. Keine weiteren Fragen, euer Ehren.

So werden unsere blühendsten Entdeckerjahre von lebendiger Angst getrübt. Das mit der Nächstenliebe wird nicht näher erläutert, es geht um Schuld und Sühne. Und weil du von Geburt an schuldig bist, hast du etwas auf dem Kerbholz, von dem du als dummes Kind natürlich noch nichts weißt. So wirst du zum schuldlosen Sünder. Fühlst dich schuldig für die Tränen deiner Mutter, die Enttäuschung deines Vaters. Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld. Du hast Angst vor dem Fegefeuer, Angst vor Satan, Angst vor Pfaffen, Angst vor dem Vater, Angst vor der Mutter. Also musst du dich ergeben und demütig sein und darfst ab sofort Niemandem mehr vorm Zubettgehen den Schlafanzug zerknoten, denn das ist Sünde! Der liebe Gott sieht schließlich alles. Das Christentum, heilige Mutter aller Ängste.

Dann gehst du zur Schule. Die Angst geht mit dir. Vor den Noten, vor den Lehrern, vor dir selbst. Du wächst heran. Beginnst dich für dein Äußeres zu interessieren, das dir grundlegend missfällt. Und auf einmal hast du Angst vor den Blicken und Urteilen der anderen. Verkleidest dich unter sonderbaren Kleidern ohne dein Selbst zu erkennen. Findest dich hässlich in deiner grobgerasterten Wahrnehmung, die noch nicht feinjustiert ist. Als das Abitur droht, verdrehen dir achtzehn Jahre alte, sorgengereifte Ängste den Kopf und entbinden die Versagensangst. Verzweifelt prügelst du Second-Hand-Wissen bis zur Erschöpfung in dein vernebeltes Hirn, bis du in der mündlichen Prüfung neben dir sitzt und hilflos beobachten musst, wie dein autarker Mund falsch Gewusstes reproduziert. Trotzdem bestehst du. Was nun? Studieren? Arbeiten? Nichts interessiert dich am Berufsleben. Zu jung für professionelles Altsein.

Also studierst du. Stehst plötzlich allein in der riesigen Uni. Geworfenheit, Leere. Keiner hilft dir, keiner weist dir den Weg. Dabei willst du doch nur weitergehen. Du blätterst durchs 800 Seiten dicke Vorlesungsverzeichnis, liest die Titel der Lehrveranstaltungen. Du verstehst sie nicht, wie also sollst du die Kursinhalte verstehen? Du fühlst dich minderwertig, die Angst vor dem Dummsein lacht hämisch an deinem Ohr, bis dein Bauch sich für die richtigen Vorlesungen entscheidet, sogar die richtigen Menschen auf jugendlich mäandernden Um- und Abwegen. Auch dein Privatleben mäandert. Du hast gescheiterte Beziehungen, andere haben Beziehungen, die scheitern. Man tauscht sich aus, vergleicht, beschreibt, urteilt, analysiert, spekuliert. Freundschaften werden geschlossen und gelöst. Du stürzt dich von Party zu Party, von Rausch zu Rausch, drei Tage die Woche, acht Stunden am Tag. Tune in turn on drop out. Weißt alles und nichts. Erkennst die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung, von Hineinrufen und Herausschallen. Vom Antun und nicht Angetan-werden-wollen. Interessierst dich für Yoga und Ayurveda, Ashanas und Nagchampas. Bestehst von einem Tag zum Nächsten, Nebeltage eines interimistischen Lebens. Zwischendurch beißt du dich durch den akademischen Wissensbeton wie ein hungriger Biber durch Pappelstämme. Aber hinter dem Damm lauert bereits die junge Prüfungsangst. Du glaubst sie in den Griff zu bekommen. Nichts greift. Also lenkst du dich ab, liegst wach (größeres Bett, keine Gitter), lernst. Dann die Prüfung. Du zitterst, stotterst, zweifelst, aber du bestehst. Du könntest dich freuen, die Befreiung vom Korsett der auferlegten Wahrheit feiern, würde nicht die Zukunftsangst schon auf dich warten. Vorbei die Zeiten des Müßiggangs, der durchfeierten Nächte und verschlafenen Tage. Jetzt droht die nackte Existenz mit ihren unerbittlichen Fragen. Womit wirst du dein Geld verdienen? Wie wirst du dein Leben finanzieren? Wer braucht dich? Was brauchst du? Da stehst du nun, in der Tasche den Magister – zwei Orchideenfächer, ein Massenfach – aber keinen einzigen Cent. Die Angst raunt dir Teuflisches ins Ohr. Endlose Schwarzprosa allgegenwärtiger ontologischer Gefahr. Kein Geld, keine Arbeit, keine Wohnung, kein Urlaub, keine Platten, kein Drink in der Lieblingsbar, Endstation Hoffnung.

Du schluckst alles hinunter und bewirbst dich auf den ersten Job. Die erste Absage trägst du mit Fassung, die zweite lachst du weg, aber mit der dritten bröckelt deine zerbrechlich große kleine Welt und die effizient programmierte algorithmische Existenzangst übernimmt das Ruder. Um nicht auf der Straße zu enden, machst du ein Praktikum nach dem anderen. Versprichst dir viel von falschen Versprechungen. Dann endlich, der erste, bezahlte Job. Und an seiner Seite, die Angst vor dem Jobverlust. Dass man ausgerechnet dir diese großartige Chance gegeben hat! Dir, DIR! Wo doch alle anderen alles besser können als ich. Also sei dankbar, sei fügsam! Dixit Algorismi. Du versklavst dich ein, zwei, drei Jahre, bleibst ein austauschbares Rädchen im statischen Machtgetriebe. Hast Erfolge, die dir immer wieder gern missgönnt werden. Hast dich selten einsamer gefühlt, allein unter Mittelmäßigen, die deinen machtgeilen Chef umkreisen wie weiße Zwerge das schwarze Loch. Selbsternannte Weltretter, die nur sich selbst retteten, und ein einäugiger Machiavelli unterm Regenbogen der Blinden. Am Anfang willst du sie entblößen, die nett Maskierten, ihr durchschaubares Kalkül mit immer dickeren Schichten wasserfester Theraterschminke retuschierend, durch die deine kritischen Augen hindurchdringen wie Grashalme durch Asphalt. Du willst kämpfen gegen die Windmühlen der flachen Hierarchie, Fata Morgana der Gutgläubigkeit. Doch du bist allein unter Missgünstlingen, Selbstdarstellern, Weltverschlimmerern. Der Sauerstoff im Luftschloss wird toxisch; Angst zu ersticken.

Auf dem Weg zur Arbeit sitzt du in der U-Bahn zwischen lauter Ichs und zerfledderten Gratiszeitungen. Du setzt deine Kopfhörer auf, ziehst dir wirre Sounds rein, liest ein Buch und verkriechst dich in deinen provisorischen Individualkokon. Trennst Innenwelt von Außenwelt, durch die der Sturm fönt. Zeichen der globalen Erderwärmung? Du mitleidest mit all den Menschen, deren Häuser in den Fluten versinken. Dass man überhaupt der Empathie fähig ist, bevor die Menschheit ausstirbt. Was deiner Meinung nach in spätestens 100 Jahren der Fall sein wird, wenn nicht schon eher. Vorher willst du aber noch viel reisen, möglichst CO2-Neutral. Außerdem wird Fliegen sowieso immer gefährlicher. Was, wenn man abstürzt, von Fanatikern entführt, gar in die Luft gesprengt wird? Auch im Zug ist dir oft ganz mulmig zumute, seit du an einem bedrohlich heißen Sommertag im U-Bahnschacht stecken geblieben bist. Auf einmal roch es komisch. Chemisch, irgendwie. Giftgas, wie damals in der U-Bahn von Tokio? Ein Pawlow’scher Hund ist immer wachsam. Das Zweirad ist für dich auch keine Alternative. Zu hektisch der Straßenverkehr, allein die vielen Löcher im Asphalt, der Rollsplit, die Öllaken. Die Risse in der Brücke. Das Verletzungsrisiko. Überhaupt gewinnt mit jedem Lebensjahr die Gesundheit an Stellenwert. Allein die Angst vor den E’s in Lebensmitteln. Also planst du für deinen nächsten Einkauf im Biosupermarkt immer eine halbe Stunde länger ein, zwecks Studiums der Inhaltsstoffe via Codecheck. Nach der obligatorischen Gesundenuntersuchung verschreibt dir der Hausarzt deines Misstrauens Medikamente, die du brav beim Wucherapotheker um die Ecke statt günstig im Internet kaufst. Du weißt schon, die Angst vor gefälschten Medikamenten aus Fernost.

Überhaupt, die Angst und das Internet, virtuelles Füllhorn irrationalster Ängste, liaison dangereuse. Datenklau. Phishing. Cybermobbing. Spionagetrojaner. NSA. 1.000.000.000 Virenangriffe pro Tag. Virale Angst, und du mittendrin, mit deinen social-medial verschenkten Daten, FruchtGlasFliege auf dem Weg zum nächsten faulen Apfel, verheddert im weltweiten Spinnennetz. Du drehst das WLAN ab und dich im Kreis. Läufst eine Runde um den Block, um wieder geradeaus zu sehen. Kommst nicht weit, weil ein plakativer Aufruf mit sechs Großbuchstaben in dir die nächste, brandneue Angst generieren will. Am Abend schaltest du den Fernseher an. Siehst Krieg, Hunger, Naturkatastrophen, ertrinkende Menschen im Mittelmeer, Terroranschläge, Ölteppiche. Versinkende Inseln, gerodete Wälder, aussterbende Tiere, bedrohte Pflanzen, schmelzende Gletscher, verendende Kinder und verzweifelte Mütter. Multiplikatoren der Angst, gezapptes Grauen. Angst, die um sich beißt wie ein tollwütiger Köter, von der die Aasgeier profitieren und dich ausrauben mit teuer bezahlten Sicherheitsmauern aus billigem Pappmaché. In diesem engmaschigen Beklommenheitsgeflecht versuchst du dir mit der Machete der Zuversicht deinen Weg zu bahnen. Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, warnt dein Verstand. Gefahr erkannt, Gefahr verkannt.

© Lina Bibaric

Winterabend im Wienerwald – Austria.
© Lina Bibaric

Irgendwann wird dir das alles zu viel. Die Stadt, der Job, das angsterfüllte Leben. Du willst raus, weg, dorthin, wo nur genommen, was gebraucht und nur gebraucht, was gegeben wird. In dir erwacht eine schneewittchenhafte Ahnung von jenem Ort, den du als Kind geliebt und als Erwachsener vergessen hast. Warum, auch. Aber du erinnerst dich, du erinnerst dich an Dich. Und plötzlich liegst du einfach da, findest dich wieder inmitten der ungemähten Wildblumenwiese. Allein, allein mit dir selbst, nicht unter Menschen. Aber es ist ein neues Allein, ein ALL-ein, ganz ohne Angst, die du ignorierst wie die Zecken und Insekten und FSMEs und Borreliosen und stattdessen deine Aufmerksamkeit auf die Margeriten, den Storchschnabel und den blühenden Klee richtest. Den Liedern der Meisen und Finken, den flüsternden Gesprächen der Buchen und Eichen lauscht. Die unbezahlten Stunden vergisst und dich geschenkter Sekunden erfreust. Du bist eins mit dir, dem Himmel, den Wolken, ja sogar den Zecken und Insekten. Und auf einmal ist die verlorene Zeit wieder da und du galoppierst sattellos auf jungen Pferden durch die endlosen Wälder, den Wind der Unbekümmertheit um die Ohren. Du wühlst beim Spielen mit den Händen im Dreck und beißt anschließend herzhaft in einen wahrscheinlich gespritzten Apfel. Bretterst freihändig auf deinem klapprigen FaltFahrrad bergab und später zu dritt auf einem frisierten Moped über Feldwege, Echo eines sorgenfreien Lebens ohne den hässlichen alten Affen. Du atmest tief, tiefer und entspannst jedes Glied deines angespannten Körpers. Allmählich wird es hell. Der neue, noch ungelebte Tag liegt dir zu Füßen. Du entscheidest, dich zu freuen. Es fühlt sich fremd und zugleich vertraut an, wie sich die ungebremsten Glücksmoleküle in dir verteilen und die Angstpartikel nach und nach ersetzen. Du wirst lernen, damit umzugehen.

Ja, Angst hattest du schon damals, im Holzgitterbrett. Aber es war eine andere Angst, es war die Angst eines fragenden Kindes, das keine Antworten bekam. Heute bekommst Du zu viele.

 

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