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VerschobeneZeitVerschiebung

Es wird Zeit, sich die Zeit einmal näher anzuschauen. Denn im heidnischen Hier der alten Welt wird devot gehorcht, wenn der ZeitZeiger zweimal im Jahr zum Stundensprung ansetzt. Im terrorchristlichen Dort der schönen neuen Superwelt wird übrigens schon mal tolldreist gelogen, damit Chronos seine rhythmischen Runden dreht und sich erst eine Woche später für das Stündchen mehr Schlaf entscheiden darf:

Happy Halloween!

Der Nacht der Lebenden Toten haben wir es nämlich zu verdanken, dass die Kinder der toten Lebenden als Sensenmänner und Knochenklapperer eine Stunde länger vor amerikanischen Türen hausieren. Hier hat man die 5 eine 4 sein lassen – und … einfach die Zeitverschiebung verschoben. Keine kosmetische Q10-Sauerstoff-3D-Recitin-Sculpture-Revitalift-Profutura-Skinlife-Anti-Gravity-Anti-Wrinkle-Anti-Falten-Créme, kein kosmisches Tantra-Yoga, keine geheime Raum-Zeit -Bügelmaschine im südlichen Nevada und noch nicht einmal der Allmächtige höchst persönlich hat möglich gemacht, was diese Interessengemeinschaft geschafft hat:

Ladies & Gentleman, we are proudly present the …..

….. S Ü SS W A R E N L O B B Y!

Mars Incorporated, General Mills und Co. haben nach fast 10 Jährigem Chrono-Kampf die Zeit besiegt. Nun gut, angesichts der erwarteten 1,57 Millarden US-Dollar Umsatz für süße Chemoscheiße made in USA darf sie das auch, prognostizieren fleißige StatistikStatisten dem durchschnittlichen Hausbesitzer am höllischen Nationalfeiertag Kosten in Höhe von durchschnittlich 19,84 US-Dollar für Kaugummi mit Zuckerwattegeschmack, neonbunte Erdnussbuttersmarties oder Gummikekse mit Blaubeerfüllung zum Selbertoasten. Natürlich geht man in Punkto Informationsvermittlung mit der Zeit und fabuliert – wie es sich für einen Zeitgenössischen Gutmenschen gehört – statt der Wahrheit politisch korrekter von umweltschonenden Energieeinsparungen in Millionenhöhe ob der läppischen einen Woche des eine Stunde späteren Lichteinschaltens.

Was ist also die Zeit, in der Minuten verkauft werden wie amerikanisches Mikrowellenpopkorn?

Man nehme allein die Phrasen und Plattitüden, mit denen sich die gute alte Zeit herumschlagen muss:

Alles hat seine Zeit. Die Zeit totschlagen. Den Nerv der Zeit treffen. Am Zahn der Zeit nagen. Mit der Zeit gehen. Die Zeichen der Zeit erkennen. Das Zeitliche segnen. Ein Kind der Zeit. Zeitlos schön. Ach du liebe Zeit! Kommt Zeit, kommt Rat. Saure-Gurken-Zeit. Die Zeit heilt alle Wunden. Zeit bringt Rosen, aber auch Dornen. Wer nicht kommt zur rechten Zeit …

… vergeudete Zeit.

Zeit. kann aber auch etwas ganz anderes sein, als es ist, etwas, zu dem es erst in der Semantik der freien Marktwirtschaft geworden ist – Geld. Wer das hat, ist nach Zeit.unkritischem Maßstab quasi am Puls der Zeit. – Lieblingsfloskel ethisch wie moralisch ausgehöhlter Werbeschaffender (im Branchenjargon kurz „Werber“ genannt) die dem fatalen Irrtum unterliegen, ganz vorne (in der Zeit.) zu sein. Ganz hinten, träfe es hierbei wohl eher, am besten aber „noch nie DABEI gewesen“. Und wenn, dann als unerwünschter, verständnislos dreinschauender Zaungast auf aus eigener Tasche finanzierten subkulturellen Kunstveranstaltungen, von deren Sinn der karrieristische Zehenspitzenspanner allenfalls eine 2-Bit-Vorstellung hat:

„Das da soll Kunst sein? Das kann ich auch!“

Um anschließend genau das genau so nach-zumachen. Indem das jüngst Gesehene von selbsternannten „Kreativen“ mit vielsagendem Kennerblick beim nächsten Brainstorming in der Creative Lounge der Agentur skrupellos als eigenes Gedankengut promotet wird. Gesagt, getan – und schon wird binnen kürzester Zeit die originäre Individualistenidee Zeit.nah zum medialen Massenprodukt verraten, über dessen Existenz die In-Out-Skala des nonstop manipulierten Zeit.geistes entscheidet. Bis zum nächsten Ideenklau für den nächsten Werbespot, in dem erklärtermaßen „Gefühle, keine Marken“ verkauft werden.

Derart kunstverständnislosen Seelenverkäufern haben wir dann auch sinnbefreite Neologismen temporärer Natur wie das zitierte Zeit.nah,

aber gerne auch

asap, Zeit.kritisch oder

am besten schon gestern

zu verdanken – allesamt Vokabeln, entstanden aus Artikulationsmängeln profitfokkussierter Project Manager, die – der deutschen Sprache machtlos, der Verkaufsbilanz hörig – zwangsarbeitende Ex-Künstler zu immer neuen, immer unrealistischeren Höchstleistungen aufpeitschen müssen. Wohlgemerkt MÜSSEN, denn diese Audi-TT-fahrenden, golfspielenden und gepflegte Lounge-Mukke (ganz schön ausgeflippt, diese Kreativen!) hörenden After-Work-Spießer sind auch nur mikroskopische Rädchen im makroskopischen Getriebe der KriminellKommerziellen Großmaschinerie.

Vielleicht sollte man den Verantwortlichen des tiefenpsychologischen Kunsumwahnsinns einfach mal eine Zeitbombe in den chicen Meeting Room des zum LOFT diskreditierten ehemaligen GründerZeit-Fabrikgebäudes legen, deren sinnfreies Anglizismen-Gequatsche wie House-Music in den bildungsfernen Gehörgängen potenziell unkreativer Marketing Manager klingt? Nur, wahrscheinlich haben die persönlichkeitsbefreiten Werbeterroristen mit so beeindruckenden Titeln wie Creative-Director oder Senior Design Consultant ein so enges Zeitkorsett, dass die Bombe ausgerechnet dann hochgeht, während die schwarz gekleideten Office-Blondinen gehirngewaschen-dauergrinsend den Collani-Tisch schon für das nächste Kick-Off-Meeting mit eckigen Allessi-Tassen dekorieren. Schlechtes Timing. Dann doch lieber zu gänzlich unchristlicher Zeit die Lunte zünden.

Ähm ……. „Unchristliche Zeit“? Was soll DAS eigentlich sein? Sind demzufolge alle Nachtaktiven und Frühaufsteher Atheisten? Was ist mit einer Nonne, die nachts nicht schlafen kann? Mutiert die Schlaflose dann quasi zu einer Art heidnischen Hohepriesterin, so eine achselbehaarte Yoga-Gender-Tussi, die Steine lutschend mit verklärtem Blick in Trance und lilafarbenen Samtroben ums Walpurgisfeuer tanzt?

Und: Wann genau beginnt denn eigentlich das Unchristlich-sein?

Heute um 0:00 Uhr (beziehungsweise: eine Stunde später bei den Amis, denn schließlich ist ja noch nicht Halloween)?

Oder doch eher ab 3:00 Uhr, wenn im Fernsehen die Wichs-Filme im „Vierten“ laufen und domestizierte Ex-Nutten Automarken mit „A“ suchen? Alles wohl zu seiner Zeit .

Dabei ist Zeit doch relativ!

Sitzt du zum Beispiel in der überfüllten überhitzten Straßenbahn und versuchst, dich durch die beschlagenen Scheiben hindurch von der hoffentlich schnell schwindenden Distanz nach Hause zu überzeugen –

hinter dir niesende Rentner vor dir kichernde Teenys auf der einen Seite streng riechende Männer auf der anderen Seite synthetische Duftwasser über dir verwirrt blinkende Lichter unter dir verirrt geworfene GratisZeitungen um dich herum ein wabernder Chor aus versatzverstückten Stimmfragmenten Kirmes-Tekkno durch viel zu große Kopfhörer Akkordeon-Klänge Kinderjammern Blickausweichen Händeschwitzen Stehenbleiben Ellenbogen Gegenlehnen viel zu laute Handyschreie viel zu schrille Jamba-Töne

dehnt sich die Zeit wie ein endloser Kaugummi.

liegst du dagegen

einfach da,

mit ihm,

ihr,

die entspannten Gliedmaßen daunenweich

in Federn versunken

in der Rechten: Zigarette,

in der Linken: Whiskey, vor euch

flimmernde Bilder – vergessen

von euren umeinander tanzenden

Gedanken, die

zusammenfinden,

auseinandertoben,

ineinanderweben,

Spiralen drehend durch die Lüfte wirbeln,

Mauern durchdringen

nach fernen Ländern klingen,

um Metropolenhäuser ziehen

über weite Ährenfelder fliehen,

vor freien Geisteskünstlern niederknien,

in ihnen Parallelgedanken wiedersehen –

dann, immer dann,

wird Zeit von Zeit dahingerafft

Nicht so in der FastenZeit. Hierbei verzichten ­ausschließlich Ausgeschlafene (die anderen sind ja Atheisten) auf die allzu ausschweifende Aufnahme von Nahrungsmitteln, um ihr tiefrot überzogenes Sündenkonto auf grün zu hungern. Fremdgehen, gutmütige Rentner am Telefon bescheißen oder gelangweilten Hausfrauen im Fernsehen osteuropäische Plastikkleider für südeuropäische Luxusfummel verkaufen – einfach nix essen, und schon hat man einen fetten Sündendispo ohne Überziehungszinsen für das ganze darauffolgende Jahr!

Wobei ……. ging das in grauer VorZeit nicht noch schneller?

…………………………… natürlich – der AblaSSbrief!

Warum nicht das wohlfeile PapstPapier zur Pauschalleuterung revitalisieren und Zeitgemäß vermarkten? Wo es den Papst doch sogar für nur 0,79 Cent per SMS direkt aufs Handy gibt! Einmal zahlen – ein Jahr lügen! Oder für die junge Zielgruppe von den zitierten Werbern stylisch verclaimt: Pay once – lie twice! Das wäre doch eine effiziente Geschäftsidee für alle Scheinheiligen, die gerne fressen und vögeln, doch bei Nachbarn und Kollegen den Christen geben! Der fromme Freibrief für frivole Genießer! Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt, so das entlarvende Postulat eines mittelalterlichen Dominikanermönches, das im heutigen Mittelmaßalter überZeitliche Gültigkeit beweist, bevor einen das Zeitliche segnet.

Was daran segensreich sein soll, – man weiß es nicht.

Doch bevor ich gedenke das herauszufinden, mache ich mich auf die Suche nach der verlorenen Zeit und träume von Zeiten, in denen lautstarke Zeitzeugen auf der Höhe der Zeit ihre Zeitkritischen Texte unZeitgemäß konzipierten. In einer Zeit, in der die Zeit noch ihre Kunst und die Kunst noch ihre Freiheit hat.

Zeit der Kirschen

Zeit zu gehen.

© Lina

 

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agenturISMUS

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Schreiben Komma


Ab und zu mal was schreiben ist ja ganz schön, aber was ist, wenn dich das leere Blatt leblos anstarrt und du kein Wort zu Papier bringst, weil du glaubst, jedes Wort sei schon gesagt, beziehungsweise geschrieben, und du keine Lust hast, Worte wiederzukauen wie Kühe ihr pappiges Gras auf der Weide, denn was du nicht willst, sind Worte aus zweiter Hand, weil das ist ja so ziemlich das Letzte, was du willst, und schon gar nicht willst du etwas machen, was die anderen schon gemacht haben, denn du bist ja nicht wie die anderen, weil das, was du machst, soll neu und einzigartig und unverwechselbar sein, doch du weißt, dass alles schon geschrieben wurde von Leuten, die viel besser schreiben können und konnten und von denen viele zwar nicht mehr leben, aber Worte hinterließen, die so neu und einzigartig und unverwechselbar sind, dass du es unmöglich auch so machen kannst, aber genau das willst du ja auch gar nicht, weil du ja weißt, dass es ihre Worte sind und du liebst ihre Worte und außerdem kannst du es ja nicht so gut, weil es eben die anderen besser konnten vor so vielen Jahren schon, dass du dich als blindes Staubkorn im Nichts empfindest und vor Bewunderung erstarrst vor denen, die schon vor hundert Jahren alles so gemacht haben, wie du es auch gerne gemacht hättest, doch leider lebst du jetzt, in einer falschen Zeit, oder vielleicht haben sie in einer falschen Zeit gelebt, aber sie haben gelebt und geschrieben und geschaffen, die Rilkes und Benns und Lasker-Schülers und Jarrys und Artauds und Tzaras und Hausmanns und Schwitters und Arps und Pérets und Bretons und Vians und Becketts und Ionescos und Camus´ und Debords und Bayers und Fritschs und Jandls und Bachmanns und Celans und Rühms und da-da-das ist gut so und zwar so gut, dass es dir den Atem verschlägt, weil du es niemals so gut könntest und dann bist du frustriert und fängst gar nicht erst an mit dem Schreiben, obwohl dein Schädel so voll ist von Sagenswertem oder zumindest glaubst du, dass es sagenswert ist, dass er, also der Schädel, nicht der Ballon, zu platzen droht wie ein zu voll gepumpter Luftballon und dein pumpendes Herz quillt über wie frische Zitrussprudelbrause im viel zu kleinen Wasserglas, und während du in dir nach Worten ringst, erkennst du, dass es besser ist, nicht zu viel zu denken über das Schreiben und statt zu ringen lieber zu springen und es einfach tun, das Schreiben, denn wenn es aus dir herausfließt wie der R(h)einfall von Schaffhausen hat es gar nichts, rein gar nichts mit den anderen zu tun, sondern kommt aus dir selbst heraus und das ist gut so, vielleicht nicht so gut, aber das bist du und das ist dein Wort und dein Weg und der ist das Ziel und auf ihm nimmt es mehr und mehr Gestalt an, das Wort, und außerdem ist das Blatt jetzt nicht mehr leer und starrt dich leblos an, sondern inspiriert dich zu tun, was du sowieso nicht lassen kannst und schon immer tun wolltest, weil du nicht anders kannst und weil du es liebst: das Schreiben.

 

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Gedanken.ÜBER.Gedanken


Ich frage mich oft, woher sie kommen. Diese rotierenden Gedankenloops, die sich spiralförmig durch die Gehirnwindungen schrauben. Sie kommen scheinbar aus dem nichts, die Gedanken, sie springen dich an und verfolgen dich bis ins Innerste deiner Träume. Viele denken: Ein Gedanke ist einfach DA. Falsch gedacht. Gedanken entstehen durch Denken … und …

Denken ist Arbeit.
Denken ist Prozess.
Denken ist Kampf.
Denken ist Dynamik.
Denken ist Verzweiflung und Erfüllung zugleich.

Denken kann seltsame Blüten treiben, wenn man sich allzu sehr treiben lässt.
Man nehme zum Beispiel das Selbstbewusstsein – InterimsResultat sich langsam entwickelnder Ich-Gedanken, die um das Selbst kreisen wie sensorisch verwirrte Stubenfliegen um hängende Lampenschirme. Die ewige Frage nach dem Wer-bin-ich. Als kreativ motivierter Geist probiert man abstruseste Wege, in der Anonymität der Masse seinen Platz in der kollektiven Erinnerung zu behaupten. Man stellt sich vor, wie man es anstellt, ein Gesicht zu bekommen — gesichtshaft zu werden. Dafür stellt man so einiges an: Als Teeny versucht man, mit auffallend exzentrischen Kleidern und Gedanken, die niemand versteht, etwas darzustellen; als Thirtysomething mit Texten, die von auffallend exzentrischen Gedanken formuliert werden, deren semantische Kleider niemand versteht. Wenn du es geschafft hat, etwas zu schaffen, was dir Aufmerksamkeit verschafft, stellst du dir dann vor – verunsichert durch die frisch gewonnene Popularität –, dass es da draußen natürlich immer bessere, intelligentere, gebildetere, begabtere, attraktivere, kreativere Menschen gibt. Wogegen man nichts tun kann und auch nicht sollte.

Nur, wenn dann so jemand auftaucht, von dem man glaubt, auf ihn treffen die zitierten Attribute zu, dann ist es vorerst vorbei mit dem „aktiv durch innere Denkvorgänge herbeigeführten SELBSTbewusstsein“. Dann kommt sie angekrochen durch die Hintertür, diese Wer-bin-ich-schon-was-kann-ich-schon-und-überhaupt-was-habe-ich-zu-bieten-Kopfkonstrukhirnwichserei.
Stumme Sätze wie Bin ich austauschbar? oder Wäre SIE zuerst dagegewesen: wäre SIE jetzt an meiner Stelle? torpedieren das Schädelinnere, drehen sich im Kreis, verirren sich, verwirren sich, implodieren, explodieren, denotieren, konnotieren – und tun am Ende so, als hätte es sie nie gegeben.

Apropos denken: Was ist das überhaupt – D-E-N-K-E-N?

Dieses stummlose Sprechen, über das sich denkende Menschen seit Jahrtausenden Gedanken machen? Von dem leider die meisten „denken“, es falle ihnen in den Schoß? So einfach wie Nahrung in den Mund stopfen, Flüssigkeiten schlucken oder sinnlos die Zeit verschlafen, sei es mit diesem „Denken“. Dabei wird ungern bedacht, dass Denken gelernt sein will. Dass Denken anerzogen, manipuliert, indoktriniert ist. Dabei sind doch die eigenen Gedanken das einzige, was man sich selber aussuchen kann, wenn man es kann.

Am Anfang nämlich ist alles anders: Du wirst hineingeworfen in ein nicht ausgesuchtes Dasein glotzt du mit glänzenden Kulleraugen vom Schoß deiner nicht ausgesuchten Mutter in die nicht ausgesuchte Welt und musst dich mit nicht ausgesuchten Namen wie Kevin, Jaqueline, Jennifer, Jochen, Heinz oder Horst-Günter abfinden. „Kucken, kacken, picken, packen – mehr brauchste nich?!“ (Helge Schneider)

Denkste!

Denn sobald du zum ersten Mal in die nicht selbst ausgesuchten Chemo-Windeln kackst, ist das Gehirn auf Alarmbereitschaft. Guck, es versucht zu denken! Beziehungsweise: Es versucht aus dem Wahrgenommenen, zunächst eine primitivste Erkenntnis zu formen:

 

Da – ist – ein – HUND – und – da – ist – ein – BAUM. Dada … Au-t-ooo!! Wasser ist w-a-r-m. Feuer ist H.E.I.S.S. Messer, Gabel, Schere, Licht, sind für kleine Kinder nicht. Dadada. Blubblubb. Blääää.


Ein schönes, banales Leben leben die kleinen KognitionsDebütanten am Beginn ihrer Individulisierungskarriere. Aber kein eigenes. Denn die anderen denken für dich. Mami, Papi, Omi, Opi, deine Geschwister, deine Kindergärtnerin, deine Lehrerin, dein Lichtschalter, dein Pfarrer, die BRAVO, dein älterer Freund, dein Fernsehprogramm, dein Tanzlehrer, dein Taschenrechner, dein Schulbuch, deine gefälschten Klausurbögen, dein Fahrlehrer, deine Waschmaschine, dein Professor, deine Bücher, dein Bankkonto, deine Kommilitonen, dein Arbeitgeber, dein Nachbar, Wikipedia, die Werbung, das Gesetz, das System, der Staat – jeder behauptet dein Denken für sich.

Emanzipation von fremdem Gedankengut hilft, ist aber unbequem. Denn je älter du wirst, desto komplizierter wird es mit dem Denken: Du beginnst endlich darüber nachzudenken, was andere gedacht haben. Jahrelang manipuliert mit Gedankenmaterial zweiter Hand, das dir aus erster verkauft wird, drohst du dich zu verlieren in der unüberschaubaren Masse fremdgedachten KognitivSpams, der dir die Fähigkeit eigener GedankenGenerierung raubt.

Denken ist Luxus!
Denken kostet Zeit.
Zeit ist Geld.
Das will man haben, also überlässt man die dekadente Denkerei jemand anderem. Wozu gibt es denn heutzutage Computer?! Oder (quotenfokussierte) tollkühn frisierte Fernseh-Philosophen? Oder (kriegserprobte) phantasievolle Glaubenssysteme, die sich hervorragend als Denksurrogat eignen? Andere – Gott sei dank! – begrüßen die die Empirik: selbsterlebte Erfahrung, die dich daran hindert, Geistesgüter fragwürdiger Herkunft unhinterfragt hinzunehmen. Je nach Intelligenzquotient kommen dann das Abstraktionsvermögen, die Analyse, die Dialektik, die Kognition, die Assoziation, die Interpretation, die Logik, die Erinnerung, die Reflektion (im Idealfall sogar die Selbstreflektion), die Unterscheidung von Ist- und Soll-Zustand mit ins Boot der Erkenntnis.

Zwischendurch tut es weh.

Du wirst zurückgeworfen auf dich selbst und denkst dir deinen Teil – nämlich dann, wenn das Ist vom Soll abweicht. Wenn du laufen willst und stehen bleibst. Wenn du eine Entscheidung triffst, die entschieden falsch ist. Wenn du den falschen Weg wählst und im Kreis läufst. Wenn du wegläufst und du trotzdem mitläufst. Wenn du siehst, was andere nicht sehen. Wenn du willst, was andere nicht wollen. Wenn du auf andere hörst und dich selbst überhörst. Wenn du siehst, wie es geht, und keiner es versteht / Wenn du deiner Intuition misstraust und nur auf den reinen Verstand deine Ideen baust / Wenn deine Idee dich überzeugt und sich jeder dagegen sträubt.
Dann denkst du, du hast etwas falsch gemacht mit der ganzen Denkerei. Luftschlösser gebaut / Hirngespinste gewebt / Phantasiebilder geklebt / Fiktiven Intuitionen blind vertraut. Du fragst dich, welche billigen Gedankenfetzen sich da zum löchrigen Flickenteppich selbsternannter Erkenntnis verzwirbelt haben. Welcher Erleuchtungsteufel dich da geritten hat. Oder einfach: wer dir da ins Gehirn geschissen hat.

Dabei hast du nichts falsch gemacht.

Du hast gelebt. Im Rahmen deiner gegebenen Möglichkeiten nach-, mit-, aus-, über- und weitergedacht. Deine Grenzen erforscht und über den Tellerrand geschaut. Die Brille geputzt und in die Tiefe geblickt. Die Wolken verschoben um den Himmel zu sehen. Die Nase gereckt um den Regen zu riechen. Den Ton abgedreht um die Stille zu hören. Dich der Kleider entledigt um deinen Körper zu spüren. Deinen Mund ausgespült um die Vielfalt zu schmecken. Bist angeeckt an den Ecken des Kreises. Hast den bröckelnden Putz hinterm Vorhang gefunden. Und erkannt, dass Sehen und Sein nicht Eins sind. Dass Dinge nicht ein sondern zwei Seiten haben. Dass erste Eindrücke nicht immer die besten sind. Dass das Glück mit den Mutigen ist. Nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird. Eine Rose eine Rose eine Rose ist. Lügen mit hölzernen Nasen auf kurzen Beinen stehen. Dass Hunde nicht beißen, nur weil sie bellen. Nicht alles was glänzt, auch wirklich Gold ist. Dass ein Mensch dich nicht liebt, nur weil er die drei Worte spricht. Menschen, die lächeln, noch längst keine Freunde sind. Dass ehrlich nicht immer am längsten wehrt. Viel Licht auch längere Schatten wirft. Die Zeit nicht alle Wunden heilt. Dass Alter nicht immer vor Torheit schützt. Dass jemand nicht lebt, nur weil er lebendig ist.

Dass jemand nicht tot ist, nur weil er gestorben ist.

Dass Gedanken Paradiese sind, aus denen dich niemand vertreibt.

 

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Rühm war da.

[der schiefe barhocker gähnt]

mittwoch, halbfinale, 30 grad. 16 Uhr 30, rühm ist da. ins einbaumöbel, heimspiel. plakat vor der tür: wegen wasserrohrbruch veranstaltung verlegt. tür geht auf, altes plakat. rühm ist da. andere auch. 10, 15 studenten. anfang zwanzig, söckchen im sommerschuh, ungezeichnete gesichter, sonnenbrillen, aktentaschen, rote bäckchen; demut. rühm ist da. hellblaues hemd, oberster knopf offen. neben ihm, die kenn ich doch!, rosi rösisch, komparatistik, besenkammer, uni bonn ……. ach isse garnich ….. uni halt ….. die komparatistikdozentin. neben ihr ein mann, ein student? ein dozent? graues haar, silberrandbrille, sportlich braun, klettertyp, auch traveler, nicht interrail, gehoben. vielleicht 38 oder 63, manche bleiben ewig alt. optisch belesen. ’n intellektueller halt, das soll man sehn. erstmal was trinken. weißweinspritzer groß, bitte. puh, heiß hier. durst. ich barhocker, die anderen sofa. tag, herr rühm! ah, guten tag. neue frisur? hab sie erst gar nicht erkannt. letztes mal trug ich kappe. ah, deswegen. vom morgen. ja, ich weiß. es geht los. bitte aufrücken, kommen sie näher! rosi rösisch, einleitung. willkommen zum symposium, vielen dank, dass sie da sind, herr rühm, habe die ehre (zu ihm), wer hat fragen (zu ihnen)? reclamhefte raus. super blick hier oben. weißweinspritzer. arme auf theke. handy auch, parkuhr läuft. puh, heiß hier.vor mir ein fleißiger, student. schlau, bestimmt. dreimalschlau, eigentlich. er weiß was, das zeigt er. geordnete papierordner, texte mit textmarker, gelb, pink, blau. viele blätter, kopien konkreter. ordentlich sortiert, trennlaschen, schubladen. der mann weiß was, ihr werdet schon sehen. rühm wird konkret. konkrete poesie. der apfel aus apfel ist nicht konkret. er ist formalistisch! der schlaue student will recht.warum ziert er dann den titel des reclambandes über konkrete poesie? der apfel, nicht rühm. das ist eine gute frage, er gehört da nicht hin. er ist nicht konkret. der apfel ist formalistisch, weil er aus apfel besteht. bestünde er aus birne, wäre er konkret. nicht konkret, keine subversion. formalistisch. sie haben recht (zum schlauen student) der apfel gehört da nicht hin. ein konkretes gedicht besteht aus konkreten wörtern.denotationen, keine konnotationen. das wort und nichts als das wort. kein metaphern, die sind nicht konkret. das wort ist das wort ist das wort ist das wort. der schweizer dichter von dem ich den namen nicht mehr weiß kann keinen konkreten text mit dem wort geheimnis schreiben. geheimnis ist nicht konkret, das ist unsinn. geheimnis ist alles. nicht konkret, unsinn. rosi vermeidet zu gähnen, nickt anerkennend. nicht konkret, genau … weitere fragen? trinken, betrinken, betrunken langsam. rühm erinnert sich. art klub, wien. mit konkrad bayer auf der bühne einen flügel zertrümmert. happening vor dem happening, das wort gab es noch nicht. warum nicht, eigentlich? das war lebensgefährlich, denn eine herauskatapultierende seite kann einem tödliche verletzungen zufügen. das wusste ich nicht. wir haben provoziert damals. das wollten wir nicht. wir wollten neue sätze. die leute nicht. ir waren unerhört. von den leuten, vor der kritik. so mit sprache umzugehen, das gehörte sich nicht. das war uns egal, wir waren wir. es war unsere sprache. eine dünne studentin: wollten sie damals provozieren? der intellektuelle traveler denkt rhetorisch, leider laut. welchen text herr rühm haben sie im jahre 1971 zusammen mit konrad bayer undsoweiter gemacht und bei der avantgardezeitschrift von dem verlag (husten) von dem und dem publiziert weil der eine schriftsteller der ja ein freund von ihnen war gute kontakte zu dem einen verleger hatte der eigentlich auch schriftsteller war und der weil er sie verlegt hat aus dem verlag geschmissen wurde? er meint thomas fritsch. unbequemer barhocker. volle konzentration beim traveler: (er sieht mich. er weiß, dass ich da bin. ich weiß was. das weiß er jetzt!). rühm weiß die antwort. der traveler ist befriedigt. der schiefe barhocker gähnt. das glas leert sich. noch einen? es ist 18 uhr, gleich fußball, dann bier, besser nicht.die sprache war alt. rühm zerlegt die sprache. bayer zerlegt die sprache. achleitner zerlegt die sprache. wiener zerlegt die sprache. artmann dichtet dialekt. und hat erfolg. den will er nicht haben. erfolg begrenzt freiheit. sprache ist freiheit. sprache ist wandel. sprache ist prozess. sprache ist zerstörung. sprache ist erneuerung. rühm übergrenzt. keine grenzen.freie sprache. sprache ist musik. musik ist sprache. sprache ist rühm. rühm ist komponist: das ABC der musik, das CDE der sprache. rühm ist sprache. die sprache ist neu. eine frau betritt den raum, zu spät. nicht gefunden, das lokal. kommen sie herein, junge frau. bitte nehmen sie platz. sie platz weit hinten, auf dem leeren sofa. kommen sie doch näher, ich möchte sie kennenlernen. rühm überspringt, das wort hat das wort. frau weiter vorne. frau hat das wort. war im schönbergchor, in den siebzigern. ist die freundin der ehemaligen freundin eines freundes von rühm. dichter, wie rühm. das wort wechselt, das interesse auch. rühms vorbilder – joyce, gertrude stein, majakowsi. manfred borchert, abgott. schwer zu bekommen, nach dem krieg. dada inspirierte. aber nicht zu sehr, denn kunst bleibt kunst. zerstörung der sprache, nicht der kunst. der weißweinspritzer wirkt. auf die theke gestützt, auf dem barhocker. ganz schön heiß hier. durst,, noch einen? besser nicht – der fußball, das bier. rösisch will fragen. nicht die eigenen, sie hat keine. die runde schwitzt, und schweigt. aber man will da sein, schließlich ist rühm da! ich bin froh, dass die uni vorbei ist. das konkrete reclamheft macht die runde, das mit dem verbotenen apfel. wissend wahrgenommen, wortlos weitergereicht. der schlaue student braucht länger. intonation ist bedeutung. die sprache der sprache. der ton macht das wort. der text braucht den ton. rosi braucht wissen. der traveler weiß arno schmidt: zettels traum ist ja bei dem und dem ich glaub es war hans mayer nicht so akzeptiert wegen der syntax und überhaupt der dativ dass man den jetzt statt des genitiv s so oft verwendet ist ja auch so ein unding. wen interessiert’s. weißweinspritzer. vorsicht, kopf klarhalten! langsam trinken, eine rauchen. keiner raucht. , ok. rühm mag kein scharfes s. das gehört nicht zum alphabet. deswegen benutzt er doppel s. er schreibt, wie man spricht. miljon’n statt millionen. das en am ende spricht man nicht. daher ist es überflüssig. er hat recht. der vor mir weiß was. schlauer student, und ordentlich. er verweist auf den schweizer von dem ich den namen nicht mehr weiß. rühm bestätigt. der schlaue student ist zufrieden. die dozentin für komparatistik weiß auch viel. sie zeigt es nur nicht so. nicht nur nicht heute, sondern auch sonst nicht so. ist aber hochinteressiert. an rühm, an der sprache. das will sie zeigen. sie schaut auf die uhr. rühms kölner apothekenjutebeutel ist voller rühms. die wollen raus. und sollen – signiert, 5 euro. ich zücke das portemonnaie, die studentinnen sicher nicht. ich schon, und nehme zwei für zehn. ER – wird sich freuen, SIE auch. auch ich, im nachhinein. rosi mahnt,, die zeit. nicht mehr viel, noch fragen? rühm knöpft den obersten knopf zu. und wieder auf. dann wieder zu. seltsam, wie lange das gehirn manchmal braucht um eine einfache entscheidung zu treffen. erleichertes lachen. der traveler laut, rosi mit. es ist schon spät, man will heim. vielen dank und auf wiedersehen. die studentinnen bedanken sich artig. und gehen. rühm bleibt. der traveler auch. rosi zögert, es ist schon spät. aber rühm ist da. die schönbergsängerin wagt sich vor. vor rühm. haben sie eine emailadresse? vom barhocker lachen. rühm hat fax. lachen vom barhocker. nicht aus-, sondern über-. die freundin von der ehemaligen freundin des freundes von rühm fragt nach anderen kommunikationwegen. telefonnummern werden getauscht. aufbruchsstimmung. im traveler braut sich was zusammen. er traut sich was. jetzt oder nie. gleich sag ich’s moment! —- herr rühm darf ich sie einladen? einmal im leben will er gerhard rühm einladen. das will er allen erzählen. darum fragt er. rühm muss weg. noch packen, morgen früh abflug. nach köln? frag ich. er: ja, nach köln. wie lange waren sie in wien? bin gestern gekommen. grüße an die heimat. werd‘ ich tun. traveler ratlos. überspringt (eigentlich enttäuscht), zappelt, raucht. rühm mag keinen rauch. eigentlich auch keinen traveler. das wusste der traveler nicht. jetzt weiß er mehr.  

er war da, der rühm.

© Lina

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Die Lesung

Schnell noch ein Bier.

Besser nicht. Oder …. vielleicht doch.
Stattdessen stilles Wasser für alle.
Zigarette her!
Rauchen verboten.
Dann noch eine!

Hände feucht. Zitternde Mundwinkel. Schweiß. 
Sieht man nicht, besser so. Wahrscheinlich eh verboten.
Wo bin ich eigentlich? Nicht drin, irgendwie draußen, ein bisschen drüber, drunter, daneben, jedenfalls nicht hier, in irgendsonem Literaturspießerhaus mit graugesichtigen Germanistenbräuten, 
desperate Housewifes der Literatur, die nur im Keller lachen, wenn sie lachen.
So Gouvernantentanten mit Rollkragenpulli und Sehhilfen aus Horn unter den Hörnern.
So Katholikenschnepfen mit Kontrollsyndrom und Korrektheitsfetisch.
Wo alles verboten, weil Vorboten der Hölle, diese Kerzen, die nicht brennen, diese brandgefährlichen Lampen aus Papier und potenziellen Kabeltrommelbomben ausgeflippter WorTerroristen. 
Was können die schon, wer sind die überhaupt, diese Namenlosen!

Alkohol erst nach der Veranstaltung.
Natürlich Wein, rot und weiß, so einer mit samtenem Abgang und grindigem Zungenpelz. Zum gepflegtgelangweilten Schlürfen mit humorlosem Kennergequatsche passt das am besten.

Auf der Bühne ein trostloser Tisch mit fadem Sessel aus Draht, silber schwarz, Hintergrund weiß, schön neutral. Überhaupt schön sauber hier, alles korrekt, geleckt, alles an seinem Platz, 
akribisch drapiert, pedantisch kontrolliert.
Erstmal weg mit dem ganzen Scheiß! 
Runter von der Bühne und rauf mit den Sofas!
Her mit den bunten Bildern vom Kölner Künstler der dieses Attribut zu Recht verdient! 
Her mit den ollen Kissen und technischen WortVerstärkern! 
Weg mit der verzweifelten Literaturbeamtin – und her mit dem Bier!
Tschick an, Sound ab, fuck you, Tante Bilbo!
Drei Minuten, zwei Minuten. Los geht’s. 
Wortsalat im Kopf. Mund spricht, ohne Kopf. 
Es trocknet aus das Farbenmeer
Kopf weg. Muss ihn suchen, einfangen, dressieren, die störrische Wildsau.
Denn es sind Menschen da, die wollen 
Hören. Sehen. Ausatmen, ich einatme, einsilbig, einarmig, mit dem 
Mikro in der Hand im Jetzt, das sich nach gestern und morgen anfühlt.
Kopf noch nicht gefunden. Rotiere herum im Innenraum, 
Gang 235 Tür 3: zu. Gang 236 Tür 5: zu. Gang 237 Tür 71: offen, kein Kopf.
Ach Scheiß drauf, der kommt schon wieder. 
Alles bunt, still, laut, grau, schwarz, leer, im Wurmloch ohne Zahn und Zeit.
Auf einmal blau. Vielleicht vom Bier. Ach ne, gab ja nur Wasser
Zäher Argusalgen Teer
Satzfetzen hetzen zerfetzen 
Gegenwartsätze
Schätze, vielleicht. 
Krakenklone auf und abtentakelt untergehn
Schrott, bestimmt.
Was weiß denn ich. 
Was wissen die? 
GermanisMussGollum im Spießerstrick weiß nix.
Eigentlich auch egal. 
Die wollen eh nur hören, sitzen, sehen, reden,
bewerten, verwerten, kritisieren, zensieren.
Buhen, toben, lachen, lästern, spotten, verrotten, diffamieren, abservieren, 
– Kopflose Phantomgedanken ranken tief ins leuchtendgrelle Wattegrau.

Schweigen, alles dunkel. 

>> LICHT AUS! SPOT AN! <<
Komm her, scheiß Kopf du! 

Mund übernimmt. Schießt Satzssalven im Zeitraffer durch den Raum. 
Worte purzeln über Unterkieferrundungen mit Lippenstift.
Korrallenkonjunktive quallen auf
Wattevokabelstrudel im Dämmerlicht
Die Silberfische strudelschwimmend
Mundwinkel zittern, böses Gesicht, wahrscheinlich.
Was denken die? Arrogante Kuh, bestimmt.
Wenn die wüssten was sie glauben zu wissen was ich weiß. 
Dabei weiß ich nix zu wissen.
Hände zappeln, Buch wackelt.
[Kerzen verboten]
[Alk erst nach der Lesung]
[gefährliche Papierlampen]
Germanistentrauma
[scheiß Spießerbraut] 
[scheiß Gedächtnisschwund]
Konzentration, bitte!

Mund unbeeindruckt. Beine auf Sofa auch. Hände nicht. Mundwinkel auch nicht.
Kopfhülle im Profil, ist sicherer. 
Sound läuft, Mund über. 
Mikro zittert. 
Saal voll. 
Menschen da.
ENDLICH MENSCHEN!
Menschen die hören, sitzen, sehen, denken, verstehen, abstrahieren, kapieren,
probieren, studieren, nicht sieben, einfach lieben, junggeblieben, angetrieben vom Übriggeblieben
in der Horde ahnungsloser Mittelmaßopportunisten.

Kopf-fade-in. 
Wieder da, im Jetzt. Kein Morgen, Gestern.
Nur hier, Echtzeit. 
Musik-fade-out.
Danke gehaucht, zitternde Beine, klatschende Hände im tonlosen Daunennebel. 

Raus, nur raus. Tschick an, Bier her! Aus Dosen, mitgebracht. Kein Wein.
Worte wechseln Nichtbesitzer.
Alles leicht, alles klar.

Tante Bilbo raucht im Kabuff.
Freestyle auf Bühne. 
Bühne raucht. 
Tante auch, vor Wut.
Das Spiel ist aus, der Ofen auch.
Kerzen verboten.
Hier bestimme immer noch ich!

Frau Biedermann entlässt die Brandstifter im Zorn.
Wunderbarer Abend.

 

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