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Das semiotische Dreieck

In einem Kaffeehaus. Jeder Tisch ist besetzt. Die kunterbunt gemischten Gäste trinken, rauchen, essen, reden. Es herrscht eine entspannte, lebensfreundliche Atmosphäre. An einem gemütlichen Fenstertisch im Raucherraum wartet Astrid bereits auf Elisa. Eigentlich waren sie für 15 Uhr verabredet, doch jetzt ist es bereits 15 Uhr 20. Astrid wird zunehmend nervöser, zündet sich eine weitere Zigarette an und beobachtet angespannt, wie proportional mit jedem tief inhalierten Zug ihr Stimmungsbarometer sinkt. Da, endlich, betritt Elisa das Café.

Elisaaaa, heyyy, da bist du ja! Komm, lass dich drücken. Schön, dich zu sehen!

Bussi rechts, Bussi links. Astrid strahlt, Elisa leuchtet.

Heyyyyy, Astrid! Du, sorry, ich hab mich mit Max verquatscht, du weißt schon, der Typ aus der Galerie …

Ach, gar kein Problem! Ich sitz‘ doch gut hier. Hauptsache, du bist da!

Typisch Elisa, immer muss man auf sie warten. Das müsste ich mal bei ihr machen …

Die beiden Freundinnen setzen sich.

Und, Liebes? Was sollen wir trinken: Prosecco?

Jetzt schon?! Bissl früh, oder? —- Ach … hast Recht. HERR OBER, ZWEI PROSECCO, BITTE!

Vorgestern kam Elisa wieder mal zum abendlichen Yogakurs zu spät. Alle mussten nochmal neu anfangen, nur wegen ihr!

Astrid, ich hab‘ super Neuigkeiten!

Wer bin ich eigentlich, dass ich mir das gefallen lasse?

Du bist schwanger!

Quatsch, nein – ICH HAB DEN JOB!

Astrid schluckt. Sie muss an ihr eigenes Bewerbungsdesaster denken. Fünfzig Bewerbungen, Null Zusagen. Sie ringt um Fassung, jetzt bloß nicht das Gesicht verlieren, bitte recht freundlich.

Wow, Elisa, das ist ja toll! Gratuliere, ich freu mich ja so für dich!

Sie hat den Job, war ja klar. Dabei habe ich mir extra einen Coach geleistet, Interviewtrainings gemacht, meinen Lebenslauf gepimpt.

Wahnsinn, oder? Nach nur einer Bewerbung … ich bin sprachlos.

Und Elisa? Schreibt eine einzige Bewerbung und es klappt. Kein Wunder – sieht gut aus, hat ´nen coolen Freund und ´nen reichen Papa.

Hätte ich nie nie Nie NIEMALS gedacht. Zumal sich dort – das hat mir Vanessa gesteckt – wohl Hunderte beworben haben.

Na  d a s  Vorstellungsgespräch hätte ich gerne gesehen. Wahrscheinlich hat sie sich aufgebrezelt und dem Chef – Klimper, Klimper! – schöne Augen gemacht. Könnte ich nicht, sowas. Aber offenbar kommt man damit durch. Warum meint es das Leben nicht auch einmal gut mit mir?

Jetzt muss es endlich auch bei dir klappen, dann bin ich vollends happy! Komm, lass uns anstoßen. Auf den neuen Job, auf das Leben!

Wie bitte? „Endlich auch bei dir klappen“? Soll das etwa heißen, ich bin ein Looser?!

Na dann Prost, Elisa. Auf deinen neuen Job!

Als ob ich nichts zu bieten hätte! Ist denn ein Bachelor in Psychologie nichts? Plus einem Auslandsemester in Florenz und zwei Praktika!

Jetzt sag schon, Astrid – wie läuft‘s bei dir? Hast du dich schon bei Thomas gemeldet? Du weißt schon, der Typ aus der Werbeagentur, die eine Sachbearbeiterin sucht.

Elisa, ich glaube, dass ich als Sachbearbeiterin etwas überqualifiziert wäre.

Ach, ist doch nur ein Sprungbrett. Der berühmte Fuß in der Tür.

Die Frau Magister hat gut reden …

Aber ich habe doch auch ein Studium vorzuweisen!

Ja, aber… na ja, was soll ich sagen … mit einem Bachelor ist es halt ein bisschen schwerer. Aber – so what! Es braucht nicht jeder einen Magister.

Nicht jeder?! Bin ich etwa Krethi und Plethi? Wenn ich ehrlich zu mir bin, ärgert es mich natürlich schon, dass ich nicht noch die zwei Jahre Studium drangehängt habe. Immerhin war da dieser gut bezahlte Nebenjob, der hätte mir das Master-Studium locker finanziert. Stattdessen bin ich sechs Monate durch Südostasien gereist, danach noch eine Zeit lang durch Australien und Südafrika. Tja, wenigstens habe  i c h  die Welt gesehen!

Ach, ich habe einfach nur Glück gehabt. Es gibt so viele Leute, die auch ohne Titel Karriere machen!

Und warum hast du dann einen?

Einmal angefangen, wollte ich das Studium auch zu Ende machen. Halbe Sachen liegen mir nicht.

Schweigen. Eisiges Schweigen. Der Prosecco beginnt im Glas zu gefrieren.

HERR OBER, NOCH ZWEI PROSECCO, BITTE!

Astrid schaut Elisa verstohlen von der Seite an: Sie sieht heute gar nicht gut aus. Augenringe, Pickelchen, und dazu noch etwas aufgedunsen. Typische Abendschönheit.

Gut schaust heute aus, Elisa!

Überhaupt kommt ihr Gesicht so langsam in die Jahre. Komisch, ist mir vorher noch nie so aufgefallen, aber bei Tageslicht sieht man schon deutliche Knitterfältchen und auch ihre einst prallen Bäckchen beugen sich bereitwillig der Schwerkraft. Man bleibt eben nicht ewig jung und schön. Kann sie mal sehen, wie das ist.

Oh, Danke! Du aber auch, Astrid! Schickes Kleid, genau deine Farbe.

Hallo? Höre ich da einen sarkastischen Unterton?

Was? Nein! Ich mein’s ernst!

Ja klar. Wenn man das schon dazusagen muss, ist es mit der Ernsthaftigkeit bekanntlich nicht weit her.

Willst du etwa damit sagen, dass ich dich anlüge?

Das habe ich nicht gesagt.

Man muss nicht immer sagen, was man meint.

Woher willst du wissen, was ich gemeint habe? Kannst du Hellsehen?

Die Klamotten waren auch schon mal besser kombiniert. Immerhin, sie hat die Haare schön.

Ich kenn dich halt schon lange.

Offenbar nicht lang genug, denn so hab ich das sicher nicht gemeint.

Da! „Sicher nicht“ – schon wieder betonst du die Glaubwürdigkeit deiner Aussage!

Ja und? [Pause] Kann das sein, dass du heute a bissl streitsüchtig bist, Astrid?

Wie kommst du denn darauf? Ich war doch die ganze Zeit gut drauf! Jetzt allerdings nicht mehr.

Und das ist jetzt meine Schuld?

Nein, überhaupt nicht, gar nicht! Aber man wird doch wohl noch seine Meinung kritisch äußern dürfen!

Dann bist du heute aber ganz schön kritisch. Hand aufs Herz: Hast du wieder eine Job-Absage bekommen oder was ist los?

„Wieder“? Weil mich ja eh keiner nimmt?

Astrid. Das hab ich doch nicht gesagt!

Aber gedacht.

Woher willst du das wissen, was ich gedacht habe? Kannst du Hellsehen?

Elisa bebt innerlich. Wie der erste Sonnenaufgang in einem unbekannten Land dämmert in ihr eine Erkenntnis, die alles bisher zusammen Erlebte in ein beklemmendes, monochromes Licht taucht. ‚Wie eine Blinde, die auf einmal sehen kann‘, schießt es ihr in den Kopf. Aus dem Ozean gemeinsamer Erinnerungen drängt plötzlich ein Abend vor sechs Jahren an die Oberfläche ihres Bewusstseins. In diesem Stillleben der Vergangenheit sieht sie sich mit Astrid am runden Holztisch in der Küche ihrer damaligen Wohnung sitzen, bei einem Glas Rotwein, Jazz und vielen Zigaretten. Sie kennen sich erst seit einem Jahr, doch für Elisa fühlt es sich nach ‚schon immer‘ an, so vertraut ist ihr Astrid.

Nach dem zweiten Glas fasst sich Elisa ein Herz und erzählt Astrid zum ersten Mal von ihren Problemen mit dem Professor, dessen Assistentin sie einst war. Es war ihr allererster Job. Anfangs war sie so glücklich, trotz ihres Orchideenfachs und allen Unkenrufen kapitalgesteuerter Einzelkämpfer zum Trotz diese Stelle bekommen zu haben. Doch irgendwann wuchsen aus den vielen kleinen Sticheleien ungerechtfertigte Vorwürfe, was schließlich in peinlichen Anspielungen auf ihre weiblichen Attribute gipfelte und jeden neuen Arbeitstag zu einem neuen Angsttag werden ließen. Elisa erzählte also zum ersten Mal in ihrem Leben einem anderen Menschen von all ihren erlittenen Demütigungen, Respektlosig- und Anzüglichkeiten, wie sehr sie darunter leide und wie wenig sie damit umzugehen wisse. Sogar von den gesundheitlichen Folgen und deren strapaziöser Bewältigung. Wie aus einer geschüttelten Sektflasche sprudelten die Worte aus Elisa heraus und jedes endlich laut ausgesprochene Wort fühlte sich so wohltuend und heilsam an wie ein sauberes Heftplaster auf einer frischen Schnittwunde. Und was tat Astrid?

HERR OBER, EINEN MARILLENSCHNAPS, BITTE! Willst du auch einen?

Nein Danke, ich bin ja generell nicht so für Alkohol.

Aber für Prosecco?

Das ist nicht das Gleiche. Schnaps ist nicht meine Liga.

Und bin ich außerhalb deiner Liga, wenn ICH einen trinke?

Schweigen. Der Schnaps kommt. Er wird hektisch geext.

Astrid, du … ach … ich sag besser  nichts mehr, es wird ja sowieso alles gegen mich verwendet.

Ja, genau. Ich bin nur auf Streit aus und verdrehe dir immer jedes Wort im Munde.

Damals in der Küche sagte Astrid jedenfalls – nichts. Kein einziges Wort. Kein Tröstendes des Bedauerns, kein Wärmendes der Unterstützung. Keine Empathie, keine Spur des Mitfühlens, und wahrscheinlich auch nicht des Zuhörens (schon damals beschlich mich das Gefühl, mit meinen Ausführungen Astrids Geduld zu strapazieren: Zu oft irrte ihr Blick durch den Raum, zu oft schielten ihre Augen aufs Handy – natürlich nicht ohne sich gleich dafür zu entschuldigen). Als meine Erzählung endete, ergriff Astrid das Wort. Doch statt der inständig herbeigesehnten Leides-Teilung reklamierte Astrid das Attribut der Alleinleidenden für sich, indem sie eklektisch ihre eigenen, schlimmen Erfahrungen aufzählte. Wie dramatisch ihre Situation war, welche Opfer sie bringen musste, und wie froh sie war, von so guten Freunden aufgefangen worden zu sein. Sie erzählte und erzählte und erzählte nur von sich, sodass mein jüngst widerfahrenes, frisches Leid zur Gänze in ihrem längst Durchlebten aufging. Am Ende des Abends musste ich  s i e  trösten, obwohl ich selbst des Trostes bedurfte.

Damals vermutete ich noch Wortfindungsschwierigkeiten oder zwischenmenschliche Ungeschicktheit. Heute vermute ich mangelndes Selbstwertgefühl, das sich in Missgunst entlädt. Soll es den anderen doch auch mal schlecht gehen, nicht nur mir! Aber ich kann mich auch irren. Vielleicht bin ich heute einfach nur zu streng mit Astrid. Außerdem hasse ich Streit.

Weißt du was, Astrid? Wir zwei Hübschen sollen wir uns wieder mal was richtig Gutes gönnen. Lass uns doch shoppen gehen! Ein Friseurbesuch! Oder chic essen!

Oder vielleicht ein luxuriöses Wellnesswochenende in Dubai buchen? Holger hat schon Recht: Elisa ist ein verwöhntes Einzelkind.

Wäre schön, aber dazu fehlt mir im Moment das Geld.

Aber wer war ich dann die ganzen Jahre für Astrid – Seelentröster, Stilgeber, Kurzweiler? Freundin? Feindin? Der Boden unter meinen Füßen beginnt zu schwanken.

Ach, bitte, Astrid, ich lad‘ dich ein!

Als ob ich Elisas Almosen nötig hätte! Aber andererseits … sie hat ja genug Geld. Dazu der bestimmt gutbezahlte neue Job, der gutzahlende Papa, und ihr Typ verdient sicher auch nicht wenig. Überhaupt – ist Freundschaft denn nicht immer auch ein Geben und Nehmen? Und wenn der eine Freund weniger hat, warum sollte er nicht von dem nehmen, der mehr hat? Ist denn nicht gar Nehmen seliger als Geben?*

Ja, von mir aus. Können wir ja irgendwann mal machen.

Wieder Schweigen. Zigarette. Verlegenes Fingerkuppendurchzählen und sinnloses Haarlockendrehen.

Astrid, darf ich dich etwas fragen? Bitte verstehe mich jetzt nicht falsch, aber mir kommt es so vor, als ob ich da gerade bei dir auf eine Eisbergspitze gestoßen bin. Was willst du mir wirklich sagen? Heraus mit der Sprache – was ist los?

Es ist gar nichts, Elisa. Ich hab heute einfach nicht meinen besten Tag.

Betretenes Schweigen. Astrid kramt in ihrer Tasche. Elisa blickt aufs Handy, während sich auf ihrem Dekolletée rote Flecken bilden. In ihren Augen sammelt sich Flüssigkeit, die jeden Moment herauszuschwappen droht.

Ich dachte eigentlich, wir sind Freundinnen! Und gehört nicht zu den wesentlichen Eigenschaften einer Freundschaft, dass man einander Wohlwollen entgegenbringt?

Du glaubst, ich sei nicht wohlwollend?

Ja, das glaube ich.

Und woran machst du das fest?

An deinen Reaktionen auf mich.

Welche Reaktionen genau?

Zum Beispiel auf meinen neuen Job. Für mich bedeutet das so viel, und das weißt du. Nach allem, was mir damals widerfahren ist. Du erinnerst dich?

Woran?!

Na an die Geschichte mit dem schmierigen Professor, dessen Assistentin ich war – weißt du das nicht mehr? Es war in der Küche in meiner alten Wohnung in der Taubstummengasse, als ich dir von seinem demütigenden Verhalten erzählte, von seinen fadenscheinigen Anspielungen und dreisten Anzüglichkeiten.

Welcher Professor? [Pause] Ach DAS … geh bitte, das ist doch so viele Jahre her.

Für mich ist es wie gestern, weil es um etwas Grundsätzliches geht: Empathie. Du hast mir damals keinerlei Mitgefühl entgegengebracht. Schlimmer noch, du hast überhaupt nicht reagiert, sondern einfach deine Geschichte drübergelegt.

Drübergelegt?! Wie hätte ich denn deiner Meinung nach reagieren sollen? Mitleiden? Mitweinen? Was hätte das denn geändert?

Na ja, nicht gerade Mitweinen … ein paar Worte des ehrlichen Bedauerns hätten es auch getan. Ich hatte damals jedenfalls nicht das Gefühl, dich mit meiner Geschichte zu berühren. Daher frage ich dich heute: Warum freust du dich nicht für mich, wenn ich mich freue, warum tröstest du mich nicht, wenn ich traurig bin? Und – warum stellst du mir eigentlich keine Fragen?

Aber ich freu mich doch für dich, Elisa! Du verstehst das alles völlig falsch. Und jetzt genug von alten Problemen, lass uns zwei jetzt endlich auf deinen neuen Job anstoßen!

HERR OBER, NOCH ZWEI PROSECCO, BITTE!

Es gäbe noch viel zu sagen und noch mehr zu fragen, aber das Ungesagte besitzt der Aussage genug. Was ist das für eine Freundin, die jedem meiner Worte auflauert wie ein hungriger Wolf dem Lamm? Die sich in der semantischen Kehrseite ihrer Ethymologie suhlt, um diese letzterdings als Lanze gegen mich zu verwenden? War das je Freundschaft? Oder ist das schon Feindschaft?

Die Luft hier wird dünner. Ich muss weg von diesem lebensfeindlichen Ort. Will atmen, reinen Sauerstoff inhalieren, nicht an verpesteter Luft ersticken. Besser einsam im Reinen als gemeinsam alleine!

Nein, danke, Astrid, ich muss jetzt leider los.

Och, jetzt auf schon? Schade, wo wir doch so nett geplaudert haben. Aber ok, zahlen wir. Wann sehen wir uns?

Hab‘ diese Woche so viel zu tun, eventuell nächste Woche.

Ok, wir telefonieren.

HERR OBER, DIE RECHNUNG BITTE  … JA, ALLES ZUSAMMEN.

 

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*Aus der Bibel,  Apostelgeschichte 20, Vers 35

 

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VerschobeneZeitVerschiebung

Es wird Zeit, sich die Zeit einmal näher anzuschauen. Denn im heidnischen Hier der alten Welt wird devot gehorcht, wenn der ZeitZeiger zweimal im Jahr zum Stundensprung ansetzt. Im terrorchristlichen Dort der schönen neuen Superwelt wird übrigens schon mal tolldreist gelogen, damit Chronos seine rhythmischen Runden dreht und sich erst eine Woche später für das Stündchen mehr Schlaf entscheiden darf:

Happy Halloween!

Der Nacht der Lebenden Toten haben wir es nämlich zu verdanken, dass die Kinder der toten Lebenden als Sensenmänner und Knochenklapperer eine Stunde länger vor amerikanischen Türen hausieren. Hier hat man die 5 eine 4 sein lassen – und … einfach die Zeitverschiebung verschoben. Keine kosmetische Q10-Sauerstoff-3D-Recitin-Sculpture-Revitalift-Profutura-Skinlife-Anti-Gravity-Anti-Wrinkle-Anti-Falten-Créme, kein kosmisches Tantra-Yoga, keine geheime Raum-Zeit -Bügelmaschine im südlichen Nevada und noch nicht einmal der Allmächtige höchst persönlich hat möglich gemacht, was diese Interessengemeinschaft geschafft hat:

Ladies & Gentleman, we are proudly present the …..

….. S Ü SS W A R E N L O B B Y!

Mars Incorporated, General Mills und Co. haben nach fast 10 Jährigem Chrono-Kampf die Zeit besiegt. Nun gut, angesichts der erwarteten 1,57 Millarden US-Dollar Umsatz für süße Chemoscheiße made in USA darf sie das auch, prognostizieren fleißige StatistikStatisten dem durchschnittlichen Hausbesitzer am höllischen Nationalfeiertag Kosten in Höhe von durchschnittlich 19,84 US-Dollar für Kaugummi mit Zuckerwattegeschmack, neonbunte Erdnussbuttersmarties oder Gummikekse mit Blaubeerfüllung zum Selbertoasten. Natürlich geht man in Punkto Informationsvermittlung mit der Zeit und fabuliert – wie es sich für einen Zeitgenössischen Gutmenschen gehört – statt der Wahrheit politisch korrekter von umweltschonenden Energieeinsparungen in Millionenhöhe ob der läppischen einen Woche des eine Stunde späteren Lichteinschaltens.

Was ist also die Zeit, in der Minuten verkauft werden wie amerikanisches Mikrowellenpopkorn?

Man nehme allein die Phrasen und Plattitüden, mit denen sich die gute alte Zeit herumschlagen muss:

Alles hat seine Zeit. Die Zeit totschlagen. Den Nerv der Zeit treffen. Am Zahn der Zeit nagen. Mit der Zeit gehen. Die Zeichen der Zeit erkennen. Das Zeitliche segnen. Ein Kind der Zeit. Zeitlos schön. Ach du liebe Zeit! Kommt Zeit, kommt Rat. Saure-Gurken-Zeit. Die Zeit heilt alle Wunden. Zeit bringt Rosen, aber auch Dornen. Wer nicht kommt zur rechten Zeit …

… vergeudete Zeit.

Zeit. kann aber auch etwas ganz anderes sein, als es ist, etwas, zu dem es erst in der Semantik der freien Marktwirtschaft geworden ist – Geld. Wer das hat, ist nach Zeit.unkritischem Maßstab quasi am Puls der Zeit. – Lieblingsfloskel ethisch wie moralisch ausgehöhlter Werbeschaffender (im Branchenjargon kurz „Werber“ genannt) die dem fatalen Irrtum unterliegen, ganz vorne (in der Zeit.) zu sein. Ganz hinten, träfe es hierbei wohl eher, am besten aber „noch nie DABEI gewesen“. Und wenn, dann als unerwünschter, verständnislos dreinschauender Zaungast auf aus eigener Tasche finanzierten subkulturellen Kunstveranstaltungen, von deren Sinn der karrieristische Zehenspitzenspanner allenfalls eine 2-Bit-Vorstellung hat:

„Das da soll Kunst sein? Das kann ich auch!“

Um anschließend genau das genau so nach-zumachen. Indem das jüngst Gesehene von selbsternannten „Kreativen“ mit vielsagendem Kennerblick beim nächsten Brainstorming in der Creative Lounge der Agentur skrupellos als eigenes Gedankengut promotet wird. Gesagt, getan – und schon wird binnen kürzester Zeit die originäre Individualistenidee Zeit.nah zum medialen Massenprodukt verraten, über dessen Existenz die In-Out-Skala des nonstop manipulierten Zeit.geistes entscheidet. Bis zum nächsten Ideenklau für den nächsten Werbespot, in dem erklärtermaßen „Gefühle, keine Marken“ verkauft werden.

Derart kunstverständnislosen Seelenverkäufern haben wir dann auch sinnbefreite Neologismen temporärer Natur wie das zitierte Zeit.nah,

aber gerne auch

asap, Zeit.kritisch oder

am besten schon gestern

zu verdanken – allesamt Vokabeln, entstanden aus Artikulationsmängeln profitfokkussierter Project Manager, die – der deutschen Sprache machtlos, der Verkaufsbilanz hörig – zwangsarbeitende Ex-Künstler zu immer neuen, immer unrealistischeren Höchstleistungen aufpeitschen müssen. Wohlgemerkt MÜSSEN, denn diese Audi-TT-fahrenden, golfspielenden und gepflegte Lounge-Mukke (ganz schön ausgeflippt, diese Kreativen!) hörenden After-Work-Spießer sind auch nur mikroskopische Rädchen im makroskopischen Getriebe der KriminellKommerziellen Großmaschinerie.

Vielleicht sollte man den Verantwortlichen des tiefenpsychologischen Kunsumwahnsinns einfach mal eine Zeitbombe in den chicen Meeting Room des zum LOFT diskreditierten ehemaligen GründerZeit-Fabrikgebäudes legen, deren sinnfreies Anglizismen-Gequatsche wie House-Music in den bildungsfernen Gehörgängen potenziell unkreativer Marketing Manager klingt? Nur, wahrscheinlich haben die persönlichkeitsbefreiten Werbeterroristen mit so beeindruckenden Titeln wie Creative-Director oder Senior Design Consultant ein so enges Zeitkorsett, dass die Bombe ausgerechnet dann hochgeht, während die schwarz gekleideten Office-Blondinen gehirngewaschen-dauergrinsend den Collani-Tisch schon für das nächste Kick-Off-Meeting mit eckigen Allessi-Tassen dekorieren. Schlechtes Timing. Dann doch lieber zu gänzlich unchristlicher Zeit die Lunte zünden.

Ähm ……. „Unchristliche Zeit“? Was soll DAS eigentlich sein? Sind demzufolge alle Nachtaktiven und Frühaufsteher Atheisten? Was ist mit einer Nonne, die nachts nicht schlafen kann? Mutiert die Schlaflose dann quasi zu einer Art heidnischen Hohepriesterin, so eine achselbehaarte Yoga-Gender-Tussi, die Steine lutschend mit verklärtem Blick in Trance und lilafarbenen Samtroben ums Walpurgisfeuer tanzt?

Und: Wann genau beginnt denn eigentlich das Unchristlich-sein?

Heute um 0:00 Uhr (beziehungsweise: eine Stunde später bei den Amis, denn schließlich ist ja noch nicht Halloween)?

Oder doch eher ab 3:00 Uhr, wenn im Fernsehen die Wichs-Filme im „Vierten“ laufen und domestizierte Ex-Nutten Automarken mit „A“ suchen? Alles wohl zu seiner Zeit .

Dabei ist Zeit doch relativ!

Sitzt du zum Beispiel in der überfüllten überhitzten Straßenbahn und versuchst, dich durch die beschlagenen Scheiben hindurch von der hoffentlich schnell schwindenden Distanz nach Hause zu überzeugen –

hinter dir niesende Rentner vor dir kichernde Teenys auf der einen Seite streng riechende Männer auf der anderen Seite synthetische Duftwasser über dir verwirrt blinkende Lichter unter dir verirrt geworfene GratisZeitungen um dich herum ein wabernder Chor aus versatzverstückten Stimmfragmenten Kirmes-Tekkno durch viel zu große Kopfhörer Akkordeon-Klänge Kinderjammern Blickausweichen Händeschwitzen Stehenbleiben Ellenbogen Gegenlehnen viel zu laute Handyschreie viel zu schrille Jamba-Töne

dehnt sich die Zeit wie ein endloser Kaugummi.

liegst du dagegen

einfach da,

mit ihm,

ihr,

die entspannten Gliedmaßen daunenweich

in Federn versunken

in der Rechten: Zigarette,

in der Linken: Whiskey, vor euch

flimmernde Bilder – vergessen

von euren umeinander tanzenden

Gedanken, die

zusammenfinden,

auseinandertoben,

ineinanderweben,

Spiralen drehend durch die Lüfte wirbeln,

Mauern durchdringen

nach fernen Ländern klingen,

um Metropolenhäuser ziehen

über weite Ährenfelder fliehen,

vor freien Geisteskünstlern niederknien,

in ihnen Parallelgedanken wiedersehen –

dann, immer dann,

wird Zeit von Zeit dahingerafft

Nicht so in der FastenZeit. Hierbei verzichten ­ausschließlich Ausgeschlafene (die anderen sind ja Atheisten) auf die allzu ausschweifende Aufnahme von Nahrungsmitteln, um ihr tiefrot überzogenes Sündenkonto auf grün zu hungern. Fremdgehen, gutmütige Rentner am Telefon bescheißen oder gelangweilten Hausfrauen im Fernsehen osteuropäische Plastikkleider für südeuropäische Luxusfummel verkaufen – einfach nix essen, und schon hat man einen fetten Sündendispo ohne Überziehungszinsen für das ganze darauffolgende Jahr!

Wobei ……. ging das in grauer VorZeit nicht noch schneller?

…………………………… natürlich – der AblaSSbrief!

Warum nicht das wohlfeile PapstPapier zur Pauschalleuterung revitalisieren und Zeitgemäß vermarkten? Wo es den Papst doch sogar für nur 0,79 Cent per SMS direkt aufs Handy gibt! Einmal zahlen – ein Jahr lügen! Oder für die junge Zielgruppe von den zitierten Werbern stylisch verclaimt: Pay once – lie twice! Das wäre doch eine effiziente Geschäftsidee für alle Scheinheiligen, die gerne fressen und vögeln, doch bei Nachbarn und Kollegen den Christen geben! Der fromme Freibrief für frivole Genießer! Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt, so das entlarvende Postulat eines mittelalterlichen Dominikanermönches, das im heutigen Mittelmaßalter überZeitliche Gültigkeit beweist, bevor einen das Zeitliche segnet.

Was daran segensreich sein soll, – man weiß es nicht.

Doch bevor ich gedenke das herauszufinden, mache ich mich auf die Suche nach der verlorenen Zeit und träume von Zeiten, in denen lautstarke Zeitzeugen auf der Höhe der Zeit ihre Zeitkritischen Texte unZeitgemäß konzipierten. In einer Zeit, in der die Zeit noch ihre Kunst und die Kunst noch ihre Freiheit hat.

Zeit der Kirschen

Zeit zu gehen.

© Lina

 

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neuLAND

es  kommt der tag da werden alle ersten

letzte sein wenn morsche netze reißen

freier fall ins nichts der erben

tot geborener greise

und die unbesiegten eisbergspitzen

ragen in den himmel

bis die sonne taut das eis ins tal

dinosaurier lernen schwimmen

in den wassern der erkenntnis

aus den längst verdorrten böden

sprießen unverdorben triebe

ungestutzt im grenzenlosen raum

steine die zuvor auf neuen wegen liegen

versinken in den jugendlichen wiesen

und der frische wind trägt unsere samen

millionenfach ins neue land

 

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Die Lesung

Schnell noch ein Bier.

Besser nicht. Oder …. vielleicht doch.
Stattdessen stilles Wasser für alle.
Zigarette her!
Rauchen verboten.
Dann noch eine!

Hände feucht. Zitternde Mundwinkel. Schweiß. 
Sieht man nicht, besser so. Wahrscheinlich eh verboten.
Wo bin ich eigentlich? Nicht drin, irgendwie draußen, ein bisschen drüber, drunter, daneben, jedenfalls nicht hier, in irgendsonem Literaturspießerhaus mit graugesichtigen Germanistenbräuten, 
desperate Housewifes der Literatur, die nur im Keller lachen, wenn sie lachen.
So Gouvernantentanten mit Rollkragenpulli und Sehhilfen aus Horn unter den Hörnern.
So Katholikenschnepfen mit Kontrollsyndrom und Korrektheitsfetisch.
Wo alles verboten, weil Vorboten der Hölle, diese Kerzen, die nicht brennen, diese brandgefährlichen Lampen aus Papier und potenziellen Kabeltrommelbomben ausgeflippter WorTerroristen. 
Was können die schon, wer sind die überhaupt, diese Namenlosen!

Alkohol erst nach der Veranstaltung.
Natürlich Wein, rot und weiß, so einer mit samtenem Abgang und grindigem Zungenpelz. Zum gepflegtgelangweilten Schlürfen mit humorlosem Kennergequatsche passt das am besten.

Auf der Bühne ein trostloser Tisch mit fadem Sessel aus Draht, silber schwarz, Hintergrund weiß, schön neutral. Überhaupt schön sauber hier, alles korrekt, geleckt, alles an seinem Platz, 
akribisch drapiert, pedantisch kontrolliert.
Erstmal weg mit dem ganzen Scheiß! 
Runter von der Bühne und rauf mit den Sofas!
Her mit den bunten Bildern vom Kölner Künstler der dieses Attribut zu Recht verdient! 
Her mit den ollen Kissen und technischen WortVerstärkern! 
Weg mit der verzweifelten Literaturbeamtin – und her mit dem Bier!
Tschick an, Sound ab, fuck you, Tante Bilbo!
Drei Minuten, zwei Minuten. Los geht’s. 
Wortsalat im Kopf. Mund spricht, ohne Kopf. 
Es trocknet aus das Farbenmeer
Kopf weg. Muss ihn suchen, einfangen, dressieren, die störrische Wildsau.
Denn es sind Menschen da, die wollen 
Hören. Sehen. Ausatmen, ich einatme, einsilbig, einarmig, mit dem 
Mikro in der Hand im Jetzt, das sich nach gestern und morgen anfühlt.
Kopf noch nicht gefunden. Rotiere herum im Innenraum, 
Gang 235 Tür 3: zu. Gang 236 Tür 5: zu. Gang 237 Tür 71: offen, kein Kopf.
Ach Scheiß drauf, der kommt schon wieder. 
Alles bunt, still, laut, grau, schwarz, leer, im Wurmloch ohne Zahn und Zeit.
Auf einmal blau. Vielleicht vom Bier. Ach ne, gab ja nur Wasser
Zäher Argusalgen Teer
Satzfetzen hetzen zerfetzen 
Gegenwartsätze
Schätze, vielleicht. 
Krakenklone auf und abtentakelt untergehn
Schrott, bestimmt.
Was weiß denn ich. 
Was wissen die? 
GermanisMussGollum im Spießerstrick weiß nix.
Eigentlich auch egal. 
Die wollen eh nur hören, sitzen, sehen, reden,
bewerten, verwerten, kritisieren, zensieren.
Buhen, toben, lachen, lästern, spotten, verrotten, diffamieren, abservieren, 
– Kopflose Phantomgedanken ranken tief ins leuchtendgrelle Wattegrau.

Schweigen, alles dunkel. 

>> LICHT AUS! SPOT AN! <<
Komm her, scheiß Kopf du! 

Mund übernimmt. Schießt Satzssalven im Zeitraffer durch den Raum. 
Worte purzeln über Unterkieferrundungen mit Lippenstift.
Korrallenkonjunktive quallen auf
Wattevokabelstrudel im Dämmerlicht
Die Silberfische strudelschwimmend
Mundwinkel zittern, böses Gesicht, wahrscheinlich.
Was denken die? Arrogante Kuh, bestimmt.
Wenn die wüssten was sie glauben zu wissen was ich weiß. 
Dabei weiß ich nix zu wissen.
Hände zappeln, Buch wackelt.
[Kerzen verboten]
[Alk erst nach der Lesung]
[gefährliche Papierlampen]
Germanistentrauma
[scheiß Spießerbraut] 
[scheiß Gedächtnisschwund]
Konzentration, bitte!

Mund unbeeindruckt. Beine auf Sofa auch. Hände nicht. Mundwinkel auch nicht.
Kopfhülle im Profil, ist sicherer. 
Sound läuft, Mund über. 
Mikro zittert. 
Saal voll. 
Menschen da.
ENDLICH MENSCHEN!
Menschen die hören, sitzen, sehen, denken, verstehen, abstrahieren, kapieren,
probieren, studieren, nicht sieben, einfach lieben, junggeblieben, angetrieben vom Übriggeblieben
in der Horde ahnungsloser Mittelmaßopportunisten.

Kopf-fade-in. 
Wieder da, im Jetzt. Kein Morgen, Gestern.
Nur hier, Echtzeit. 
Musik-fade-out.
Danke gehaucht, zitternde Beine, klatschende Hände im tonlosen Daunennebel. 

Raus, nur raus. Tschick an, Bier her! Aus Dosen, mitgebracht. Kein Wein.
Worte wechseln Nichtbesitzer.
Alles leicht, alles klar.

Tante Bilbo raucht im Kabuff.
Freestyle auf Bühne. 
Bühne raucht. 
Tante auch, vor Wut.
Das Spiel ist aus, der Ofen auch.
Kerzen verboten.
Hier bestimme immer noch ich!

Frau Biedermann entlässt die Brandstifter im Zorn.
Wunderbarer Abend.

 

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